Wettergefahren-Frühwarnung | Hitze, Heftige Gewitter, Starkregen, Hagel, Überschwemmungen - West-/Mitteleuropa - 26.05.-03.06.2017
Wettergefahren-Frühwarnung - Übersicht

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Sonntag, 4. Juni 2017, 13:00 MESZ



Hitze, Heftige Gewitter


West-, Mitteleuropa

26.05.-03.06.2017


48 h-Blitzkarte 28.-30.05.
Quelle: Lightningmaps

Ende Mai 2017 stellte sich frühe Hitze über West- und Mitteleuropa ein. Dabei stiegen die Temperaturen am 29. Mai auf 34,6 °C in Bad Kreuznach (RP) an und es wurden einige Monatsrekorde der Höchsttemperatur aufgestellt. Sogar im Norden Schottlands war es 29,4 °C warm, in Südnorwegen 30,7 °C heiß. Im Zuge der nachfolgenden Gewitter kam es zu 7 cm großem Hagel in Frankreich, lokalen Überflutungen und schweren Sturmböen. Mit der Rückkehr der Warmluft Anfang Juni war eine erneute kurze Gewitterlage verbunden. Ein konvektives Starkregengebiet in der Nacht auf Pfingstsonntag (4. Juni) brachte in Ludwigschorgast (BY) mit 105,6 mm Regen in wenigen Stunden den nassesten 24-Stunden-Zeitraum seit Aufzeichnungsbeginn vor mehr als 75 Jahren.


Wetterlage und Entwicklung

Nach einer kühlen ersten Maidekade stellte sich in der zweiten Maihälfte die Großwetterlage über Mitteleuropa grundlegend um. Am 21. Mai kam Hochsommerhitze mit 850 hPa-Temperaturen >20 °C auf der Iberischen Halbinsel an, um den 23. Mai wölbte sich über Westeuropa ein kräftiger Höhenrücken auf. Dieser war zur Zeit seiner stärksten Ausprägung von zwei Trögen über dem Atlantik und Osteuropa flankiert und reichte am 26. Mai bis nach Skandinavien. Am 27. Mai umrundete ein atlantischer Kurzwellentrog den Höhenrücken und drängte ihn etwas nach Südosten ab. Vorderseitig eines Langwellentrogs regenerierte sich der Höhenrücken am 28. Mai über Mitteleuropa. Allmählich verlagerten sich beide Strukturen nach Osten und schwächten sich am 31. Mai ab. Zwischen einem Trogvorstoß über Nordosteuropa sowie südlich Grönlands wölbte sich am 1. Juni ein neuer Höhenrücken über Großbritannien auf. Die gesamte Welle verlagerte sich nach und nach ostwärts, bis der Atlantiktrog am 4. Juni auf Mitteleuropa übergriff.

Im Bodendruckfeld war ab dem 23. Mai Hoch "Walrita" wetterbestimmend. Dieses verlagerte sich von der Biskaya über Großbritannien zur Küstenregion von Nord- und Ostsee (26. Mai), am 27. Mai ins östliche Mitteleuropa und bis zur Auflösung am 30. Mai nach Südosteuropa. Westlich von "Walrita" zog ein zunächst nicht benanntes langgestrecktes Tiefdrucksystem seine Kreise. Seine wellende Kaltfront reichte tagelang von Island bis zum Seegebiet südwestlich der Iberischen Halbinsel und kam vom 26. auf den 27. Mai nach Portugal voran. Über der Biskaya entstand durch die Interaktion mit dem Kurzwellentrog ein Randtief mit einer vorgelagerten Konvergenzlinie, welches bis zum 29. Mai nach Finnland weiterzog. Zwischen den genannten großen Druckgebilden nahm die Warmluft den Weg über Frankreich nach Großbritannien und von dort ostwärts nach Benelux, Südskandinavien, Deutschland und den Alpenraum. Vom 27. bis zum 29. Mai verstärkte sich die Heißluftzufuhr nach Deutschland und später das Gewitterrisiko mit dem neu gebildeten Tief "Gerhard". In der Nacht zum 31. Mai erreichte die Kaltfront von "Gerhard" den Alpenraum, welche die Hitze verdrängte und blieb dort nahezu ortsfest. Über Großbritannien entstand Hoch "Xenia". Östlich davon strömte mit einer zweiten Kaltfront noch etwas kühlere und trockene Luft in die Nordhälfte Deutschlands. Mit der Ostwärtsverlagerung von "Xenia" und "Heinrich" auf dem Atlantik gewann die Warmluft (>10 °C in 850 hPa) wieder nordwärts an Raum. Vom 3. auf den 4. Juni wurde die schwülwarme Luft schließlich durch deutlich kühlere Atlantikluft ersetzt. Diese Wetterlage war am 2. und 3. Juni erneut von kräftigen Gewittern begleitet.

500 hPa Geopotential und Bodendruck, 850 hPa pseudopotentielle Temperatur und Bodendruck, 850 hPa Geopotential und Temperatur, CAPE und Lifted Index Europa und Mitteleuropa | Quelle: Wetter3
24.05.2017, 18 UTC 25.05.2017, 18 UTC 26.05.2017, 18 UTC 27.05.2017, 18 UTC 28.05.2017, 18 UTC

Gebietsweise Hitzerekorde

Bis zum 23. Mai steigerte sich die Hitze in Spanien auf 38,0 °C in Andújar (Andalusien). Von dort strömte die Heißluft dieses Mal weit westlich nach Norden und überdeckte am 25. Mai ganz Großbritannien.
Mit Föhneffekten erreichte Ourense in Galizien am 24. Mai mit 37,6 °C einen neuen Rekord (zuvor 37,4 °C am 29.05.2001, Aufzeichnung seit 1972). Am 25. Mai waren in Bilbao, wenige Kilometer vom Atlantik entfernt, 36,4 °C zu messen (zuvor 36,0 °C am 30.05.1996 - seit 1947). Die höchste Temperatur auf den Britischen Inseln verzeichnete Aboyne in Schottland mit 28,0 °C - wärmer als beispielsweise das südlicher gelegene London-Heathrow (27,0 °C). Während sich zwischen Portugal und Irland am 26. Mai Wolken und Regen bemerkbar machten, stiegen die Temperaturen in Schottland mit 29,4 °C in Lossiemouth noch ein Stück weiter an und erneut höher als die wärmste Station in England (28,6 °C in Blackpool).
Am 27. Mai stellte Eindhoven mit 33,4 °C den Mairekord ein. Auch in Südnorwegen wurde lokal ein Hitzetag verzeichnet - südlich einer markanten Luftmassengrenze zu einstelligen Höchsttemperaturen in Lappland. Am 29. Mai erreichte die Rekordhitze in Deutschland mit zahlreichen Monatsrekorden der Höchsttemperatur bis zu 34,6 °C in Bad Kreuznach, ähnlich hoch wie vier Tage zuvor in Südwestfrankreich (35,1 °C in Biscarosse). Die Station auf dem Weinbiet in Rheinland-Pfalz verzeichnete mit 20,0 und 20,1 °C in den Nächten auf den 29. und 30. Mai zum ersten Mal seit Aufzeichnungsbeginn 1953 zwei tropische Nächte im Mai sowie diese in Folge. In Frankfurt/Main-Westend kühlte es am 30. Mai morgens nicht unter 20,9 °C ab - wärmste Mainacht seit Aufzeichnungsbeginn 1985 und erst dritte tropische Nacht im Mai nach 2005 und 2008. Waghäusel-Kirrlach stellte den Rekord mit 20,3 °C ein (ebenfalls seit 1985 und zweite tropische Nacht im Mai nach 2005).

Höchsttemperaturen Deutschland 28. und 29.05.2017
Datenquelle: DWD JavaMap
Ort Bundesland Tmax
Trier-Petrisberg
Saarbrücken-Burbach
Trier-Zewen
Rheinau-Memprechtshofen
Rheinstetten
Waghäusel-Kirrlach
Ohlsbach
Bad Dürkheim
Perl-Nennig
Kaiserslautern
RP
SL
RP
BW
BW
BW
BW
RP
SL
RP
34,3 °C
34,2 °C
33,6 °C
33,5 °C
33,2 °C
33,2 °C
33,1 °C
32,9 °C
32,9 °C
32,7 °C
Ort Bundesland Tmax
Bad Kreuznach
Köln/Bonn-Flughafen
Bad Dürkheim
Michelstadt
Köln-Stammheim
Waghäusel-Kirrlach
Saarbrücken-Burbach
Ohlsbach
Sachsenheim
Düsseldorf
RP
NW
RP
HE
NW
BW
SL
BW
BW
NW
34,6 °C
34,4 °C
34,3 °C
34,3 °C
34,3 °C
34,2 °C
34,0 °C
33,8 °C
33,8 °C
33,8 °C

Gewitter in West- und Mitteleuropa

Die ersten Gewitter entwickelten sich am 25. und 26. Mai auf der Iberischen Halbinsel, am 27. Mai vor allem in Großbritannien (dort die stärksten Hebungsantriebe) und orographisch ausgelöst in Frankreich mit Hagel und Sturmböen. Am 28. Mai kam es beispielsweise in der Bretagne (Niederschlagssummen bis 40 mm in einer Stunde) sowie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (z.B. Steinhardt) vor allem im Mittelgebirgsumfeld zu kräftigen Gewittern mit Sturmböen und zum Teil schweren Überflutungen durch Starkregen. In der Folgenacht war ein Mesoscale Convective System (MCS) mit blitzreichen Gewittern an dessen Vorderseite vom Ärmelkanal zu den Niederlanden unterwegs.
Am 29. Mai ging in der Region Picardie 5 bis 7 cm großer Hagel nieder - dort überlagerten sich beispielsweise große CAPE/LI-Werte und die Scherung am "besten" für schwere Gewitter. In den übrigen Gebieten waren in der schwülheißen Luft meist blitz- und regenreiche Gewitter aktiv. Überflutungen ereigneten sich beispielsweise in der Region Rhône-Alpes, in den Niederlanden und in Bayern.
In den Frühstunden des 30. Mai ereignete sich ein Hagelunwetter im Ruhrgebiet (bis zu 5 cm in Buschhausen, Neumühl). Tagsüber bildeten sich im Vorfeld der Kaltfront von "Gerhard" die Gewitter diagonal über Deutschland. Schon am frühen Nachmittag wurde in Berlin nach Gewittern mit Hagel, Starkregen und Sturmböen der Ausnahmezustand ausgerufen. Starkregen mit Überflutungen war z.B. auch in Endingen (Baden-Württemberg) sowie in Österreich und der Region Limousin (76 mm in 24 h) zu beobachten. Zusätzlich waren zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern auch schwere Sturmböen dabei, mit Schäden an Bäumen, Häusern und Stromleitungen. In Usingen (Hessen) wütete ein F1-Tornado, 5 cm großer Hagel richtete Schäden in Jecha (Thüringen) an.

500 hPa Geopotential und Bodendruck, 850 hPa pseudopotentielle Temperatur und Bodendruck, 850 hPa Geopotential und Temperatur, CAPE und Lifted Index Europa und Mitteleuropa | Quelle: Wetter3
29.05.2017, 18 UTC 30.05.2017, 18 UTC 01.06.2017, 18 UTC 02.06.2017, 18 UTC 03.06.2017, 18 UTC

Neue Gewitter Anfang Juni

Am 31. Mai und 1. Juni bildeten sich Gewitter hauptsächlich entlang der quasistationären Front im Alpenraum. Außer im Norden, wo trockenkühle Luft am Freitagmorgen die Temperaturen auf ein kleines Gebiet nordwestlich von Hamburg begrenzt bis auf 0,9 °C in Elpersbüttel absinken ließ, startete der meteorologische Sommer 2017 warm (Kälterekord seit 1998 liegt bei -0,1 °C Ende Juni). Im Südwesten Deutschlands wurde die Serie von Sommertagen vom 26. Mai bis zum 3. Juni trotz Kaltfrontdurchgang nicht unterbrochen. Im breiten Warmsektor von Tief "Heinrich" über weiten Teilen Europas stiegen die Temperaturen am 2. und 3. Juni wieder auf 25 bis etwas über 30 °C. In der feuchtwarmen Luft bildeten sich vorderseitig der Kaltfront und entlang einer Konvergenzlinie kräftige Gewitter. Vor allem im Mittelgebirgsraum waren am 3. Juni erneut Starkregen mit Überflutungen, Sturmböen und Hagel die Begleiterscheinungen. Nachts entwickelte sich ein starkes konvektives Regengebiet mit lokalen Rekordregenfällen Mit einfließender deutlich kühlerer Atlantikluft entspannte sich die Hitze- und Gewitterlage.


Text: FB
4. Juni 2017