Wettergefahren-Frühwarnung | Ungewöhnliche Kälte, Starkschneefall - Mitteleuropa, Balkan - 18.-28.04.2017
Wettergefahren-Frühwarnung - Übersicht

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Sonntag, 23. April 2017, 23:00 MESZ
zul. aktualisiert: 1. Mai 2017, 16:30 MESZ


Ungewöhnliche Kälte / Starkschneefall
Mitteleuropa, Alpen, Balkan

18.04.-28.04.2017


Trogvorstoß über Mitteleuropa, 22.04.2017, 10:30 UTC
Quelle: Sat24

Nach einer extrem milden Vorwitterung seit Mitte Februar 2017, die im wärmsten März seit Aufzeichnungsbeginn 1881 gipfelte, stellte sich die Großwetterlage in Europa im Lauf des Aprils in mehreren Schüben grundlegend um. Am Ende der zweiten und in der dritten Aprildekade erreichte Kaltluft arktischen Ursprungs Mitteleuropa. Gebietsweise kräftige Schneefälle und Frostschäden beispielsweise an Obstbäumen waren die Folge.


Wetterlage und Entwicklung

Am Ende der ersten Aprildekade 2017 etablierte sich das stabile Hochdruckgebiet "Pia" auf dem Atlantik. An der Ostflanke des Hochs lenkten mehrere Tiefdruckgebiete - "Marcel", "Norbert", "Otto" - mit nur kurzen Unterbrechungen in der Karwoche kühle Meeresluft nach Mitteleuropa (0 bis -5 °C in rund 1.500 Metern Höhe). Tief Marcel vertrieb zunächst die warme Mittelmeerluft (+10 °C in 850 hPa), die beispielsweise am 10. April für den ersten Sommertag (25,3 °C) in Rheinstetten sorgte. Mit Tief Otto strömte über die Barentssee nochmals Frostluft (unter -15 °C in 850 hPa) nach Nordskandinavien. An der Luftmassengrenze von Tief Otto im Ostseeraum fiel am Morgen des 16. April (Ostersonntag) etwas Schnee in Mecklenburg-Vorpommern. Die nordwestliche Strömung über Mitteleuropa drehte mit der Nordausdehnung von "Pia" allmählich auf Nord bis Nordost, was den Weg für noch kältere Luft frei machte. Zudem ging "Pia" eine Hochdruckbrücke mit "Querida" ein, welche sich um den 15. April in Nordpolnähe bildete und an den Folgetagen nach und nach eine Zugbahn über Skandinavien und die Nordsee auf den Atlantik einschlug. Mit Durchzug des Tiefs Peter gingen die kräftigen Regenfälle am Ostermontag über der Mitte Deutschlands gebietsweise bis auf 400-200 m herab als Schnee nieder. Rückseitig dieses Tiefs erreichte die -5 °C-Isotherme den Alpenraum. Am Morgen des 19.&nsbp;April war eine -10 °C-Isotherme über Nordosteuropa zu analysieren, die bis in den Nordosten Deutschlands reichte. Im Stau der Alpen ergaben sich enorme Neuschneemengen: 58 cm Schnee lagen zu diesem Zeitpunkt in Oberstdorf-Birgsau, auf der Zugspitze 490 cm (zwei Meter Neuschnee von 15.04.-20.04., 06 UTC). "Peter" zog zu diesem Zeitpunkt seine Kreise über der Balkanregion und verlagerte sich um den 21. April zum Schwarzen Meer. Dabei stellten sich kräftige Schneefälle beispielsweise in Niederösterreich, Südpolen, Ungarn, der Slowakei, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Rumänien, Moldawien und der Ukraine ein. Über Mitteleuropa setzte ab dem 19. April durch Hoch Querida zunehmend eine Wetterberuhigung und (Höhen-)Milderung ein, welche klare Nächte mit strengem Frost über Schnee am Alpenrand hervorbrachte.

500-hPa-Geopotential/Bodendruck und 850-hPa-Temperatur| Quelle: Wetter3.de
17.04.2017 18.04.2017 19.04.2017 20.04.2017

Wesentlich ungewöhnlicher als die Tiefsttemperaturen selbst in Mitteleuropa war das Zusammentreffen von Frost und den in voller Blüte stehenden Obstbäumen sowie dem Austrieb an den Weinreben (10-14 Tage früher als im langjährigen Mittel). Von Mitte Februar bis Ende März transportierten mehrfach Sturmtiefs und Hochdruckgebiete mit südwestlicher Strömung Mittelmeerluft nach Mitteleuropa. Das Gegenteil in Form einer nordöstlichen Strömung stellte sich dann um den 19. April ein.

Das Resultat war zunächst ein 2,5 K wärmerer Februar und ganze 3,8 K wärmerer März als im Mittel 1961-1990. Auch die erste Aprildekade erreichte gut 2 K höhere Werte. Besonders hervorzuheben sind dabei die frühsommerlichen Temperaturen vom 31. März 2017 (bis zu 25,6 °C in Kitzingen). Mit einer Mitteltemperatur von 7,2 °C schloss der März 2017 auf dem Niveau eines normalen Aprils (7,4 °C, Mittel 1961-1990) ab. Entsprechend stellte sich die Vegetation Mitte April eher wie Anfang Mai dar. In den klaren Nächten, bei Windstille und mit eingeflossener Polarluft, sanken die Temperaturen selbst am Rhein und seinen Nebenflüssen in der Nacht auf den 20. April in den gefährlichen Bereich für die Blüten (unter -2 °C) ab. In den meisten Jahren stellt sich im April, gelegentlich auch noch Mitte Mai zu den Eisheiligen Nachtfrost ein. Selten wird es aber bei einem solchen Vegetationsstand wie in diesem Jahr noch unter -5 °C kalt.

Noch viel kälter als 2017 war es Mitte April 1986. Aus diesem Jahr stammen die meisten Dekadenrekorde (bis zu -11 °C in Gardelegen). München-Stadt verzeichnete am 12. April 1986 eine 11 cm hohe Schneedecke bei einer Höchsttemperatur von -0,8 °C. Ende April war es in den letzten Jahrzehnten 1980, 1985, 1991 und 1997 besonders kalt. Häufig fiel dabei auch Schnee bis in tiefe Lagen, beispielsweise registrierte Freiburg im Breisgau sogar noch am 28. April 1985 eine 3 hohe Schneedecke zum Morgentermin. In Oberstdorf kamen die Temperaturen in Verbindung mit einer Schneedecke bis auf acht Zehntel an den Dekadenrekord heran (-10,1 °C am 20.04.2017 verglichen mit -10,9 °C am 14.04.1973). In der Folgenacht war es ähnlich kalt (-9,8 °C am 21.04.2017 verglichen mit -11,2 °C am 22.04.1938).

Der April zeigte in den letzten Jahren (2007, 2009, 2011, 2014) häufiger ein ungewöhnliches, sommerliches Gesicht. Der letzte zu kalte April liegt schon 16 Jahre zurück (2001: 7,1 °C, -0,3 K). Von 1975 bis 1980 gab es sogar sechs Aprilmonate in Folge, die wesentlich kälter waren als der diesjährige März. Der April ist bislang im 21. Jahrhundert der Monat, der sich im Vergleich zum Mittelwert des 20. Jahrhunderts am meisten erwärmt hat (+1,6 K).

Tiefsttemperaturen bis 20.04.2017, 06 UTC (links) und 21.04., 06 UTC (rechts)
Datenquellen: DWD JavaMap
Ort Tmin
Zugspitze
Großer Arber
Oberstdorf
Feldberg
Brocken
Oy-Mittelberg-Petersthal
Perl-Nennig
Schmücke
Fichtelberg
Hechingen
-18,5 °C
-10,9 °C
-10,1 °C
-8,9 °C
-8,1 °C
-7,7 °C
-7,0 °C
-6,8 °C
-6,8 °C
-6,7 °C
Ort Tmin
Zugspitze
Oberstdorf
Mittenwald-Buckelwiesen
Großer Arber
Oy-Mittelberg-Petersthal
Leutkirch-Herlazhofen
Fichtelberg
Sigmaringen-Laiz
Garmisch-Partenkirchen
Deutschneudorf-Brüderwiese
-17,6 °C
-9,8 °C
-8,8 °C
-7,5 °C
-7,5 °C
-7,4 °C
-7,2 °C
-6,7 °C
-6,6 °C
-6,5 °C

Niederschlagsstärke und -Form Europa, 17.-21.04.2017| Quellen: Wetter3.de
17.04., 18 UTC 18.04., 06 UTC 18.04., 18 UTC 19.04., 06 UTC
19.04., 18 UTC 20.04., 06 UTC 20.04., 18 UTC 21.04., 06 UTC

Zwischen dem 18. und 22. April stellte sich in Ländern wie Polen, Österreich und Moldawien gebietsweise ein Schneechaos ein. In Droniowice (Schlesien) waren 43 cm Neuschnee in 15 Stunden zu beobachten (Quelle: ESWD). Der nasse Schnee führte zu umstürzenden Bäumen und Stromausfällen, von denen rund 95.000 Menschen betroffen waren. In Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) lagen am 19.04., 06 UTC rekordverdächtige 31 cm Schnee. Am Nachmittag des 19. April setzte dann auch in Wien kräftiger Schneefall ein; bis zum Folgetag musste die Ringautobahn A21 gesperrt werden. Mit 92 cm Neuschnee in 24 Stunden stellte Mariazell in der Steiermark einen Neuschneerekord auf (Quelle: ORF); in Lunz am See (611 m) waren es 86 cm Schnee am 20.04., 06 UTC. Auch hier kam es zu Schneeverwehungen und Stromausfällen (25.000 Menschen in Niederösterreich). Katastrophaler Schneebruch ereignete sich in Moldawien, die Hauptstadt Chisinau registrierte 57 cm Schnee am 21.04., 06 UTC.

Fotos aus Europa, Schnee und Frost im April | Quelle: Severe Weather EU, außer 8: eigene Abbildung
Mariazell Hochkar Chisinau Chisinau

Cluj, Rumänien Steiermark NO-Slowenien Oberrhein


Schneehöhen Deutschland >20 cm, 19.04.2017, 06 UTC
Datenquelle: DWD JavaMap
Ort SH
Zugspitze (2964 m)
Oberstdorf-Birgsau (941 m)
Ramsau-Schwarzeck/Schmuck (1088 m)
Oberstdorf (806 m)
Aschau-Stein (680 m)
Reit im Winkl (685 m)
Oy-Mittelberg-Petersthal (885 m)
Ruhpolding-Seehaus (746 m)
Fichtelberg (1213 m)
Waakirchen-Demmelberg (815 m)
Bischofswiesen-Loipl (870 m)
Philippsreut (917 m)
Oberweißbach/Th.Wald (582 m)
Neuhaus am Rennweg (845 m)
430 cm
58 cm
38 cm
31 cm
28 cm
28 cm
28 cm
26 cm
26 cm
24 cm
23 cm
22 cm
22 cm
21 cm


Zweiter Kaltlufteinbruch bis fast zum Monatsende

Die nächste Kaltfront von Tief "Quentin" überquerte Mitteleuropa am 22. April. Die Nacht auf den 24. April verlief wieder verbreitet frostig. Zu diesem Zeitpunkt dehnte sich der atlantische Höhenrücken bis nach Grönland und Island aus, östlich davon erfolgte ein Trogvorstoß - dieses Mal westlicher als in der Vorwoche - Richtung Iberische Halbinsel. Im Bodendruckfeld verlagerte sich Tief "Reiner" an der Ostflanke des Hochs "Rosalie" bei Island vom Nordmeer nach Skandinavien. Am 25. April fiel in Norddeutschland etwas Schnee. Die Kaltfront verlangsamte sich auf dem Weg nach Süden immer weiter, nahm Wellencharakter an und lag am 26. April quasistationär über dem Gebiet von Nordspanien über den Alpenraum bis nach Weißrussland. Das zugehörige Niederschlagsgebiet beschäftigte vor allem die Alpennordseite mit Schneefällen. Diese verstärkten sich noch mit der Bildung des Tiefs "Tarek" südlich der Alpen. Nördlich der dichten Wolkenfelder klarte es im Norden und in der Mitte Deutschlands häufiger auf, die Folge waren erneut Nachtfröste bis -5 °C in 2 m Messhöhe. Ein neues Islandtief verdrängte Hoch "Rosalie" im Lauf des 28. April nach Südosten, während Hoch "Sonja" über Skandinavien Platz fand. Mit einer südöstlichen Strömung gelangte schließlich wieder wärmere Luft nach Mitteleuropa. Auch am 30. April stellte sich in den Frühstunden in der Osthälfte Deutschlands nochmals Luftfrost ein.

500-hPa-Geopotential/Bodendruck und 850-hPa-Temperatur| Quelle: Wetter3.de
25.04.2017 26.04.2017 27.04.2017 28.04.2017

Die kräftigen Niederschläge hielten im Alpenraum gebietsweise vom 25. April nachmittags bis 29. April vormittags an. Von 26. bis 28. April verlagerten sich die kräftigsten Schneefälle von Schwarzwald und Schwäbischer Alb zum Allgäu und den Bayerischen Alpen. Die belaubten Bäume brachen beispielsweise in den Kreisen Schwarzwald-Baar, Sigmaringen und Heidenheim unter der Schneelast zusammen und stürzten auf die Straßen. Die Tauernautobahn (A10) in Österreich war bei Flachau wegen des Wintereinbruchs gesperrt. Am 28. April war in der Nähe von Udine (Italien) eine Regensumme von 306 mm in 24 Stunden zu messen (Quelle: ESWD).

Niederschlagsstärke und -Form Europa, 25.-29.04.2017| Quellen: Wetter3.de
25.04., 18 UTC 26.04., 06 UTC 26.04., 18 UTC 27.04., 06 UTC
27.04., 18 UTC 28.04., 06 UTC 28.04., 18 UTC 29.04., 06 UTC

Niederschlagssummen, Temperaturen und Gesamtniederschlag| Quelle: HVZ


Grafiken 2017 und Vergleichsjahre, Stationen Mannheim, Erfurt, Hamburg, Zugspitze



Text: FB
23. April 2017