Wettergefahren-Frühwarnung | Hitze/heftige Gewitter - Mitteleuropa - 23.-28.08.2016
Wettergefahren-Frühwarnung - Übersicht

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Mittwoch, 31. August 2016, 16:15 MESZ


Hitze / heftige Gewitter
Mitteleuropa

23. - 28.08.2016




Ausschnitt Satellitenbild Europa,
28.08.2016, 17:15 UTC
Quelle: Sat24

Ende August 2016 stellte sich in Mitteleuropa die längste Hitzewelle des Sommers ein, die gleichzeitig mit 37,9 °C am 27.08. in Saarbrücken-Burbach die höchste Temperatur des Jahres hervorbrachte. Zudem wurden etliche Dekadenrekorde aufgestellt. Mit fünf in fast ganz Deutschland trockenen Tagen in Folge stellte diese Wetterlage einen Kontrast zum wechselhaften und gewitterträchtigen Sommeranfang dar. Erst am 27. und 28.08. entwickelten sich mit Annäherung des Tiefs "Kitty" einige heftige Gewitter mit Hagel und Sturmböen, welche die heißeste Luft nach Osten abdrängten.


Wetterlage und Entwicklung

Nach einem vor allem über den Britischen Inseln stürmischen Intermezzo mit Tief "Hildegund", welches sich am 22.08. über der Nordsee auflöste, stellte sich Ende August 2016 eine Hitzephase ein.
Bis zum Ende der zweiten Augustdekade zeigte sich die Bilanz durchwachsen: durchschnittlich temperiert (in der Nordhälfte Deutschlands auch leicht zu kalt), weniger Sonne und verbreitet weniger Niederschlag als im langjährigen Mittel.
Markant waren bis dato zwei kühle Wetterphasen mit Schnee in den Alpen und einzelnen Dekadenrekorden in der Nacht auf den 11. August sowie eine Skandinavienhoch-Lage. Am 21.08. übernahmen Tief "Irmgard" und Hoch "Gerd" über dem Atlantik die Wetterregie. Nun sollten sogar einige Stationen, die am 11.08. einen Dekadenrekord der Tiefsttemperatur aufstellten, nur rund zwei Wochen später einen Dekadenrekord der Höchsttemperatur aufstellen.

Weit draußen auf dem Atlantik entstand ein Höhentrog, dessen Amplitude an den Folgetagen zunahm und am 23.08. bis zu den Azoren, am 25.08. noch weiter südlich bis nach Madeira reichte. Korrespondierend dehnte sich östlich davon ein Höhenrücken bis zur Ostsee, später bis nach Russland aus, der zudem von einem weiteren Trog über Osteuropa flankiert wurde. Vorübergehend nahmen die Stromlinien einen omegaförmigen Verlauf (stabile Wetterlage). Während Tief "Irmgard" nach kurzer Intensivierungsphase südlich Islands seine Kreise zog, verlagerte sich Hoch "Gerd" von der Biskaya über Deutschland bis nach Osteuropa.
Das Ablaufen eines kurzwelligen Troganteils nach Nordosten sowie Entwicklung eines neuen Kurzwellentrogs über dem Atlantik führte jedoch um den 26.08. zu einem Abflachen des Höhenrückens. Durch Höhendivergenz und positive Vorticityadvektion setzte über Westeuropa bodennah Druckfall ein. Am langgestreckten Frontensystem von "Irmgard", welches längere Zeit nahe der westeuropäischen Küsten verweilte, entstanden die Tiefs "Janett" und "Kitty" sowie vorderseitig zwei Konvergenzlinien.

Mit der südwestlichen Höhenströmung gelangte die über Spanien lagernde Heißluft (20 - 26 °C in 850 hPa) nach Mitteleuropa und wurde im Lauf der Woche noch weiter nach Osten und Nordosten verfrachtet. Vom 23. bis 27.08. stiegen die Temperaturen in Frankreich täglich auf 37 bis 39 °C (39,1 °C in Belin, Département Gironde) und in Spanien auf 40 °C (bis 41,6 °C in Badajoz, Extremadura). Am 24.08. verzeichnete die Station Paris-Montsouris 36,6 °C, einen Tag später auch in Piacenza (Italien) 39,4 °C und sogar in Bilbao an der spanischen Atlantikküste 39,6 °C.
Von 24. bis 27.08. ließ sich die 20 °C-Isotherme auch über Deutschland analysieren, was einer Abweichung von mehr als 12 K über den langjährigen Mittelwerten entspricht und zu diesem Zeitpunkt die größte Wärmeanomalie auf der Nordhemisphäre darstellte.

500 hPa-Geopot. und SLP, 850 hPa-Temperatur u. pseudopot. Temp., CAPE und Lifted Index | Quelle: Wetter3
20.07.2016, 18 UTC 21.07.2016, 18 UTC 22.07.2016, 18 UTC 23.07.2016, 18 UTC

Fortschreitende Erwärmung

Am 22.08. tropfte zunächst der das Wochenendwetter bestimmende Kurzwellentrog südostwärts ab, von Südwesten her formierte sich der Höhenrücken über Mitteleuropa. Zu diesem Zeitpunkt befand sich noch kühlere Luft über Deutschland (6 - 8 °C in 850 hPa), später wurden im Westen schon 10 - 12 °C erreicht (im Norden zog Regen im Zusammenhang mit der Warmfront von "Irmgard" durch).
In den im Vergleich zu Juni und Juli schon längeren Nächten findet bei Aufklaren bereits eine stärkere nächtliche Auskühlung ("Kaltluftseen") und die Bildung einer Inversion statt. In den Übergangsjahreszeiten sind bei passenden Bedingungen, z.B. trockene Luftmassen, in Bodennähe Tagesamplituden von mehr als 20 K möglich. Am 23.08. stieg die Temperatur beispielsweise in Saarbrücken-Burbach (SL) von 11,1 °C auf 30,4 °C am Nachmittag. Die maximal mögliche Sonnenscheindauer von 13 bis 14 Stunden, unterstützt durch die Advektion heißer Luftmassen und Erwärmung durch großräumige Absinkbewegung im Zusammenhang mit dem nordostwärts vorankommenden Höhenrücken sorgte für einen markanten Temperaturanstieg.

Zunächst setzte sich die wärmste Luft mit Windunterstützung und leichten Föhneffekten in Nordrhein-Westfalen durch, als die Höchsttemperatur Deutschlands am 24. und 25.08. in Geilenkirchen 34,1 °C bzw. 35,6 °C erreichte. Dort, wie beispielsweise im Eifellee in Aachen-Orsbach (23,4 °C am 26.08.) oder in Ballungsgebieten (Essen-Bredeney 22,9 °C), lagen die Frühtemperaturen mit über 20 °C (tropische Nacht) wesentlich höher als im Südosten Deutschlands. Wärmer blieb es nur an der französischen Mittelmeerküste (Nizza 23,7 °C).
Am 26.08. registrierte Saarbrücken-Burbach sogar 37,5 °C. Vor allem in einem Streifen von Rheinland-Pfalz und dem Saarland bis nach Rügen wurden zahlreiche Rekorde für die letzte Augustdekade gebrochen.
In Gardelegen bedeuteten 36,8 °C sogar ein Allzeitrekord (seit 1947) für den gesamten Monat August, noch ungewöhnlicher im Hinblick darauf, dass sich die letzte Augustdekade sich schon näher am beginnenden Herbst befindet als die ersten beiden Monatsdekaden und klimatologisch eine Absenkung der Tagesmitteltemperatur von Anfang bis Ende August stattfindet.

Höchsttemperaturen Deutschland 26.-28.08.2016 und neue Dekadenrekorde
Datenquelle: DWD JavaMap
Station Tag Tmax
Saarbrücken-Burbach (SL)
Bernburg/Saale (Nord) (ST)
Neunkirchen-Wellesweiler (SL)
Trier-Zewen (RP)
Pabstorf (ST)
Quedlinburg (ST)
Bad Kreuznach (RP)
Köthen (Anhalt) (ST)
Perl-Nennig (SL)
Jena (Sternwarte, TH)
27.08.
28.08.
27.08.
27.08.
28.08.
26.08.
27.08.
28.08.
26.08.
26.08.
37,9 °C
37,1 °C
37,1 °C
36,5 °C
36,5 °C
36,5 °C
36,4 °C
36,4 °C
36,4 °C
36,4 °C
Station Datum Tmax
Gardelegen (ST)
Magdeburg (ST)
Trier (RP)
Seehausen (ST)
Artern (ST)
Rheinstetten (BW)
Leipzig (SN)
Wittenberg (ST)
Oschatz (SN)
Mannheim (BW)
26.08.
26.08.
27.08.
26.08.
26.08.
26.08.
28.08.
28.08.
28.08.
27.08.
36,8 °C
36,5 °C
36,4 °C
36,2 °C
35,6 °C
35,6 °C
35,4 °C
35,4 °C
35,4 °C
35,3 °C


Heftige Gewitter folgen auf den heißesten Tag des Jahres

Tief Kitty, welches sich vorderseitig des neuen Kurzwellentrogs bildete, näherte sich mit feuchterer, später kühlerer Luft. Potentiell gewitterträchtige Luftmassen befanden sich von Frankreich und Benelux über Deutschland bis nach Norditalien (nach Nordwesten hin Taupunkte von 20 °C bis 22 °C zu erwarten, kräftige vertikale Windscherung und CAPE-Werte von 2000-3000 J/kg, allerdings auch hohe CIN und schwacher Hebungsantrieb).
Der 27.08. brachte zum Teil noch höhere Temperaturen als zuvor, mit 37,9 °C in Saarbrücken-Burbach (SL) war es der heißeste Tag des Jahres 2016. In Trier wurde zum dritten Mal in Folge der bestehende Dekadenrekord überboten und der neue Rekord ausgebaut.

Ein mesoskaliges konvektives System sorgte in der Nacht zum Sonntag für kräftigen Regen mit lokalen Überschwemmungen (40 mm in Emden), schweren Sturmböen (92 km/h auf Helgoland (SH), 90 km/h in Wittmundhafen (NI), umgestürzte Bäume) und Hagel im Nordwesten Deutschlands über die Nordsee bis in den Süden Dänemarks. Auch weiter südlich in Nordrhein-Westfalen waren ab dem Nachmittag einzelne kräftige Gewitter mit Starkregen, Hagel bis 4 cm und schweren Sturmböen unterwegs (90 km/h in Mönchengladbach-Hilderath).

Am 28.08. wurde die Hitze langsam nach Osten abgedrängt. Vor der Kaltfront von Tief "Kitty" nahm das Gewitterrisiko in der gesamten Südosthälfte Deutschlands deutlich zu. Ab den Mittagsstunden bildeten sich zwei Gewitterschwerpunkte heraus: sehr kräftig von Niedersachsen bis nach Mecklenburg-Vorpommern mit großem Hagel und schweren Sturmböen (97 km/h Göttingen (NI) (15 UTC)), ostwärts fortschreitend von Nordrhein-Westfalen und Hessen später bis nach Brandenburg. Weiter südlich blieb die Gewittertätigkeit lokal begrenzt.
Berichte über großen Hagel dokumentieren bis zu 8 cm großen Hagel in Mecklenburg-Vorpommern, 7 cm in Thüringen, 6 cm in Niedersachsen und 5 cm nachts in Bayern. Dieser richtete zum Teil große Schäden an Häusern, Autos und Feldern an. Starkregen flutete Keller, Bäume stürzten auf Straßen, Gleise, Häuser oder Autos. Weitere Schäden traten an Hochspannungsmasten und Windrädern auf. Dachstühle gerieten in Brand, 6 Menschen wurden durch Blitzschlag verletzt.
Vor den Gewittern war es in Bernburg/Saale (Nord) (ST) mit 37,1 °C am heißesten und im Osten Deutschlands wurden erneut Dekadenrekorde aufgestellt.

Gesamtniederschlag Deutschland bis 29.08., 06 UTC, Radarbilder 28.08. 01:15, 17:20 und 20:50 MESZ |
Quellen: Lightning Maps, DWD


Text: FB
30. August 2016