Wettergefahren-Frühwarnung | Sturm, Starkregen, Heftige Gewitter - Mitteleuropa - 24.-25.07.2015
Wettergefahren-Frühwarnung - Übersicht

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Mittwoch, 27. Juli 2015, 16:30 MESZ


Sturmtief "Zeljko"

Mitteleuropa

24.07.-25.07.2015


Satellitenbild (vis) Sturmtief "Zeljko"
25.07.2015, 12:21 UTC
Quelle: B. J. Burton

Nach einem in Südwesteuropa sehr heißen Juli 2015 fegte am 25. Juli Sturmtief "Zeljko" über Mitteleuropa hinweg. Dieser war in den Niederlanden mit 122 km/h in Ijmuiden (NL) und 10-min-Mittelwinden von Windstärke 10 (schwerer Sturm) der schwerste Sturm in einem Juli seit Aufzeichnungsbeginn 1901. In Deutschland wurden im Flachland verbreitet 75 bis 100 km/h registriert, auf dem Brocken eine außergewöhnliche Orkanböe von 158 km/h. Behinderungen im Flugverkehr wie am Flughafen Amsterdam, Zugausfälle und blockierte Straßen durch umgestürzte Bäume waren die Folge. Mehrere Verletzte und ein Todesopfer forderte der Sturm.



Großwetterlage und Entwicklung

Nachdem Tief "Yakari" das vorläufige Ende der großen Hitze mit Temperaturen bis knapp 38°C in Bayern am 22.07. mit Gewittern einleitete, stellte sich an den Folgetagen eine wechselhafte und von atlantischen Tiefausläufern geprägte Wetterlage ein. Häufig war kühle Atlantikluft wetterbestimmend und nur vorderseitig der Tiefs wurde wärmere Luft in die Zirkulation einbezogen. Über dem Atlantik formierte sich am 24.07. westlich der Bretagne ein kleines aber ausgeprägtes Tiefdruckgebiet, das den Namen "Zeljko" erhielt und sich unter Verstärkung vom Ärmelkanal über Norddeutschland nach Dänemark verlagerte. Es befand sich genau zwischen dem vom Ostatlantik bis nach Frankreich reichenden linken Ausgang eines Jetmaximums und dem rechten Eingang eines zweiten Jetmaximums vom Süden Skandinaviens bis ins Baltikum. In diesem Bereich kam es in der oberen Troposphäre zu starker Divergenz, überlagert von starken Hebungsprozessen vorderseitig eines markanten Kurzwellentroges. Somit waren beste Voraussetzungen für eine im Hochsommer außergewöhnliche Intensivierung gegeben. Auf der Vorderseite bezog das Tief energiereiche warme Luft mit ein, auf seiner Rückseite kühle Atlantikluft. Kräftige Hebungsprozesse und ein starker Druckgradient ließen im Bereich des Tiefs die gesamte Bandbreite heftige Wettererscheinungen in Form schwerer Sturmböen, starken Regenfällen und kräftiger Gewittern entstehen.

500 hPa, Bodendruck und Schichtdicke | Quelle: Wetter3
24.07., 12 UTC 25.07., 00 UTC 25.07., 12 UTC 26.07., 00 UTC 26.07., 12 UTC

Satellitenbilder (vis) Europa | Quelle: F. Valk
24.07., 12 UTC 25.07., 12 UTC 26.07., 12 UTC


Analysekarten und Satellitenbild | Quellen: wetter3.de, DWD/FU Berlin, B. J. Burton, DWD JavaMap
300-hPa-Wind/-Divergenz (in ca. 9 km) am 24.07., 12 UTC Bodendruckanalyse am 25.07., 00 UTC 850-hPa-aquivalentpotentielle Temperatur am 24.07., 18 UTC Satellitenbild 25.07., 15 UTC
300-hPa-Wind/-Divergenz (in ca. 9 km) am 27.07., 00 UTC Bodendruckanalyse am 28.07., 00 UTC 24-h-Niederschlag bis 28.07., 06 UTC Satellitenbild 27.07., 15 UTC

Blitz über der Bühne des Musikfestivals
DAS FEST in Karlsruhe, das aufgrund des
Gewitters vorsorglich unterbrochen wurde.
© DAS FEST KARLSRUHE/TypxTatse
Gewitter in der Nacht auf den 25.07.
Das Tief "Zeljko" bezog an seiner Vorderseite sehr warme und energiereiche Luft aus dem Mittelmeerraum in seine Zirkulation mit ein. Heftige Gewitter mit Starkregen, Hagel und Sturmböen entwickelten sich ab den Nachmittagsstunden nördlich der Alpen und später an einer Konvergenzlinie, die eine Gewitterlinie auslöste. Diese zog von Südwest nach Nordost quer über Deutschland und brachte häufig Sturmböen mit sich, schwere Sturmböen registrierte Frankfurt am Main mit 97 km/h. Im Thüringer Wald war an der Station Schmücke mit 108 km/h schon eine orkanartige Böe dabei. Ab den frühen Morgenstunden nahm der Wind allgemein durch das nahende Sturmfeld deutlich zu, mit 99 km/h auf dem Brocken und Sturmböen im Küstenumfeld.

Starkregen im Norden
Kräftige, zum Teil konvektiv verstärkte Niederschläge verlagerten sich im Vorfeld der Warmfront und im Nordteil des Warmsektors von Großbritannien über die Nordsee bis nach Dänemark. In ihrem Bereich kamen bis 26.07., 06 UTC verbreitet Niederschlagsmengen über 50 mm zusammen, in Schleswig-Holstein lokal sogar 80 bis 100 mm, sodass es zu Überflutungen kam. Von den Niederlanden her und in Nordwestdeutschland bildeten sich am 25.07. tagsüber weitere kräftige schauerartige und zum Teil gewittrig durchsetzte Regenfälle mit heftigen Böen.

Radarbilder | Quelle: DWD
24.07., 22:55 MESZ 25.07., 01:25 MESZ 25.07., 18:40 MESZ 26.07., 20:55 MESZ 27.07., 16:35 MESZ


24-stündige Niederschlagssummen bis 25.07. und 26.07.2015, 06 UTC
Datenquellen: DWD JavaMap
Station RR
Villingen-Schwenningen (BW)
Krempel (SH)
Schönhagen (Ostseebad) (SH)
Eggebek (SH)
Groß Wittensee (SH)
Norden-Leybuchtpolder (NI)
Geisingen (BW)
Elpersbüttel (SH)
Erfde (SH)
Nordholz-Flugplatz (NI)
51,5 mm
51,2 mm
48,7 mm
42,7 mm
40,1 mm
39,4 mm
38,5 mm
37,6 mm
37,2 mm
35,9 mm
Station RR
Wagersrott (SH)
Bremervörde (NI)
Bordelum (SH)
Freiburg/Elbe (NI)
Erfde (SH)
Hattstedt (SH)
Drochtersen(NI)
Bassum (NI)
Haale (SH)
Worpswede-Hüttenbusch (NI)
Elpersbüttel (SH)
List/Sylt (SH)
Leck (SH)
Schönhagen (SH)
Dornum (NI)
45,7 mm
45,1 mm
44,5 mm
38,5 mm
37,6 mm
37,2 mm
37,2 mm
35,9 mm
32,6 mm
32,0 mm
31,3 mm
30,8 mm
30,2 mm
30,1 mm
30,1 mm

Sturm und Schauerwetter am 25.07.
An der Süd- und Westflanke des Tiefs bildete sich durch die Zunahme des Druckgradienten ein Sturmfeld aus, das am 25.07. ab dem Mittag in seiner stärksten Ausprägung die Niederlande sowie den Norden Deutschlands erfasste. Im Tagesverlauf zog das Sturmtief von den Niederlanden nach Dänemark. Fast in ganz Deutschland wurden stürmische Böen oder Sturmböen registiert, vor allem im Nordwesten des Landes auch schwere Sturmböen und im Bergland mitunter orkanartige Böen und Orkanböen.
Infolge des Sturms knickten zahlreiche Bäume um und sorgten für Behinderungen im Verkehr. Vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen mussten einige Zugstrecken gesperrt werden. Nach heftigen Regenfällen standen lokal Straßen und Unterführungen unter Wasser, wie beispielsweise in Flensburg. Im Zollernalbkreis liefen etwa 30 Keller voll.
Etliche Sommerveranstaltungen wurden am Freitagabend (24.7.) und Samstag (25.7.) abgesagt, darunter nach Veranstalterangaben mit 135.000 verkauften Tickets Süddeutschlands größtes Sport-, Familien- und Musikfestival "Das Fest" in Karlsruhe. Als das Festival abgebrochen wurde, mussten die rund 45.000 Besucher das Gelände räumen. Auch in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen wurden einige Veranstaltungen abgesagt.

Spitzenböen in Mitteleuropa von "Zeljko" bis 25. und 26.07.2015, 06 UTC
Datenquellen: DWD JavaMap
Station Windböe
Schmücke (TH)
Weinbiet (RP)
Brocken (ST)
Frankfurt/Main (HE)
Neuhaus am Rennweg (TH)
Neuhütten/Spessart (BY)
Fichtelberg (SN)
Offenbach-Wetterpark (HE)
Lautertal-Hörgenau (HE)
Feldberg/Schwarzwald (BW)
Waibstadt (BW)
Bad Soden-Salmünster (HE)
Zugspitze (BY)
Hallig Hooge (SH)
Bad Kissingen (BY)
Gießen-Wettenberg (HE)
Hoherodskopf/Vogelsberg (HE)
Gelbelsee (BY)
Meiningen (TH)
Trier-Petrisberg (RP)
108 km/h
101 km/h
99 km/h
97 km/h
90 km/h
88 km/h
85 km/h
84 km/h
79 km/h
79 km/h
76 km/h
76 km/h
76 km/h
76 km/h
75 km/h
72 km/h
72 km/h
72 km/h
72 km/h
72 km/h
Station Windböe
Brocken (ST)
Spiekeroog (NI)
Kahler Asten (NW)
Feldberg/Schwarzwald (BW)
Fichtelberg (SN)
Büsum (SH)
Norderney (NI)
Bremerhaven (HB)
Travemünde (SH)
St.Peter-Ording (SH)
Hornisgrinde (BW)
Münster-Osnabrück (NW)
Hallig Hooge (SH)
Strucklahnungshörn (SH)
Hameln (NI)
Lügde-Paenbruch (NW)
Gütersloh/Ems (NW)
Wasserkuppe (HE)
Göttingen (NI)
Helgoland (SH)
158 km/h
108 km/h
104 km/h
104 km/h
101 km/h
101 km/h
97 km/h
97 km/h
97 km/h
97 km/h
94 km/h
94 km/h
94 km/h
94 km/h
90 km/h
90 km/h
90 km/h
90 km/h
90 km/h
90 km/h

Außergewöhnlich zeigt sich die Spitzenböe auf dem Brocken im Harz, die sich dort als stärkste Böe in einem Juli seit 47 Jahren herausstellt.

Top 5 (Aufzeichnungsbeginn 1967):
162 km/h Juli 1968
158 km/h Juli 2015
155 km/h Juli 1989
151 km/h Juli 1985
140 km/h Juli 1974

Auf dem Kahlen Asten ist die orkanartige Böe von 104 km/h Julirekord seit Aufzeichnungsbeginn 1969 und generell lassen sich nur wenige stärkere Böen im Sommerhalbjahr finden, die durch ein Sturmtief und nicht durch schwere Gewitter ausgelöst wurden.

Eindrücke aus dem Münsterland, 25.07.2015
Quelle: Sturmjagd Münsterland


In der lebhaften Westströmung folgte an den Folgetagen ein weiteres Sturmtief namens "Andreas". Es sorgte erneut für reichlich Wind mit gebietsweise stürmischen Böen und Sturmböen, in den Hochlagen auch schweren Sturmböen.


Text: FB, MB, SB
27.-29. Juli 2015