Wettergefahren-Frühwarnung | Gewitter - Mitteleuropa - 22.-26.06.2008
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Samstag, 28. Juni 2008, 23:00 MESZ


Gewitter

Mitteleuropa
22.-26.06.2008


Satellitenbild: 22.06.2008, 12:38 UTC, NOAA-18 VIS/IR
Quelle: Geog. Inst., Uni Bern

In subtropischer Warmluft kam es vom 22.06.2008 an zunächst vor allem im Norden und in der Mitte Deutschlands, später auch im Süden zu teilweise schweren Gewittern.


Wetterlage und Entwicklung

Nur wenige Tage nach der in diesem Jahr fast pünktlich eingetroffenen Schafskälte kehrten Sonne und Wärme passend zum kalendarischen Sommeranfang am 21.06. nach Mitteleuropa zurück. Ein kurzer Vorstoß subtropischer Luftmassen im Warmsektor des über die Britischen Inseln und die Nordsee nach Südwestnorwegen ziehenden Tiefs "Naruporn" ließ die Temperaturen am 22. verbreitet auf hochsommerliche Werte steigen. Die höchste Temperatur maß Regensburg mit +34,6 °C. Die herangeführte Luftmasse war allerdings nicht nur sehr warm (+21 °C im 850 hPa-Niveau über dem Süden Deutschlands), sondern gleichzeitig auch recht feucht und damit reich an Energie.
Am 23. hatte die Kaltfront von "Naruporn" die Nordhälfte Deutschlands überquert und erstreckte sich als quasistationäre Luftmassengrenze quer über Baden-Württemberg und Bayern hinweg. Nördlich von ihr wurde die Warmluft durch kühlere und vor allem deutlich trockenere Luft ersetzt, im Süden konnte die subtropische Luftmasse dagegen nicht ausgeräumt werden. Wie trocken die Luft im Norden tatsächlich war verraten die Taupunktstemperaturen. Südlich des Mains lagen diese bei knapp +20 °C, nördlich davon teilweise sogar im negativen (z.B. Frankfurt/Flgh. -3 C um 14 Uhr MESZ), mit Ausnahme der Küsten aber zumindest meist im einstelligen Bereich. Ein weiterer Beleg für die Trockenheit sind die Tiefsttemperaturen in den Nächten zum 24. und zum 25. Die Werte sanken im Norden auf um +5 °C; Oldenburg mit +4,5 °C sowie Barth an der Ostseeküste mit +2,4 °C verzeichneten paradoxerweise sogar neue Rekorde für die letzte Junidekade, während im Süden das Weinbiet im Pfälzer Wald in der Nacht zum 25. eine Tropennacht mit einem Minimum von +20,0 °C vermelden konnte.
Zum 25. entstand über Westfrankreich an der Luftmassengrenze das flache Tief "Olympia", das sich über die Mitte Deutschlands nach Osten bewegte. Vorderseitig des Tiefs wurde die subtropische Warmluft nochmals nach Norden geführt, ehe am Nachmittag und Abend rückseitig des Tiefkerns die Kaltfront bis zu den Alpen südwärts vordrang. Diese stellten eine natürliche Barriere dar, sodass sich Reste der feuchtwarmen Luft auch in den darauffolgenden Tagen im Alpenraum halten konnten.


Bodendruckanalysen vom 21. bis 26.06.2008, jeweils 00 UTC
Quellen: FU Berlin / DWD
21.06.2008, 00 UTC 22.06.2008, 00 UTC 23.06.2008, 00 UTC
24.06.2008, 00 UTC 25.06.2008, 00 UTC 26.06.2008, 00 UTC
850 hPa-Geopotential und -Temperatur vom 21. bis 26.06.2008, jeweils 00 UTC
Quelle: Wetterzentrale
21.06.2008, 00 UTC 22.06.2008, 00 UTC 23.06.2008, 00 UTC
24.06.2008, 00 UTC 25.06.2008, 00 UTC 26.06.2008, 00 UTC



Nachfolgend eine chronologische Zusammenfassung der Gewittertätigkeit vom 22. bis 26.06.:

Gewitter am 22. Juni

Im Bereich der nordostwärts vorankommenden Warmfront von Tief "Naruporn" gingen bereits am Morgen über dem äußersten Nordwesten und Norden Deutschlands erste Schauer und Gewitter nieder. Im Vorfeld der von Nordwesten übergreifenden Kaltfront entwickelten sich - unterstützt durch eine bodennahe Konvergenzlinie - ab Mittag über Benelux und der Nordhälfte Deutschlands teilweise heftige Gewitter, die mancherorts von Hagel begleitet waren. Augenzeugen dokumentierten örtlich bis 4 cm große Hagelbrocken. Die Nähe zur für die Jahreszeit ungewöhnlich strammen Frontalzone und damit verbunden hohen Windgeschwindigkeiten in der Höhe machte sich im Nordwesten durch Gewitterböen bis Stärke 10 bemerkbar (Rheine-Bentlage 100 km/h, Essen 96 km/h). In Goldberg (Mecklenburg-Vorpommern) fielen innerhalb einer Stunde 28 mm Regen, in Diesdorf (Sachsen-Anhalt) waren es von 18 bis 19 Uhr MESZ 21 mm. Die westfälische Gemeinde Lienen-Kattenvenne verzeichnete 24 mm, die zwischen 20 und 21 Uhr MESZ niedergingen. Auch über der Mitte des Landes entluden sich kräftige Gewitter. Am Abend und in der Nacht verlagerte sich die Kaltfront allmählich nach Süden, schwächte sich dabei in ihrem Westteil jedoch ab. Schauer und Gewitter der kräftigeren Sorte gab es dann vor allem noch in der Osthälfte Deutschlands.
Die Gewitter richteten hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen Schäden an. Im nördlichen Münsterland waren Straßen durch umgestürzte Bäume und abgerissene Stromleitungen blockiert. Feuerwehren mussten vollgelaufene Keller auspumpen. Verletzte gab es ersten Erkenntnissen nach nicht.

Nachstehend die höchsten gemessenen 24-stündigen Niederschlagsmengen in Deutschland bis zum 23.06., 06 UTC; (Quelle: DWD):

Ort 22./23.
Bad Rothenfelde
Goldberg
Goldenbow
Boizenburg
Essen-Bredeney
48 mm
47 mm
45 mm
42 mm
39 mm

Radarbilder des Tages / Quelle: wetter.com
22.06.2008, 07 Uhr MESZ 22.06.2008, 14 Uhr MESZ 22.06.2008, 20 Uhr MESZ
Blitzkarten des Tages / Quelle: BLIDS
22.06.2008, 05 bis 07 Uhr MESZ 22.06.2008, 12 bis 14 Uhr MESZ 22.06.2008, 18 bis 20 Uhr MESZ
Satellitenbilder des Tages / Quelle: DLR
22.06., 09:54 UTC, NOAA VIS 22.06., 12:23 UTC, NOAA VIS 22.06., 19:39 UTC, NOAA IR


Gewitter am 23. Juni

Innerhalb der Warmluft entstanden am Nachmittag des 23. über Baden-Württemberg und Bayern erneut kräftige Gewitter. Ein Schwerpunkt konnte dabei entlang der Donau ausgemacht werden. Dort meldeten z.B. Sigmaringen-Laiz (34 mm), Hayingen (21 mm) und Günzburg (20 mm) hohe Regenmengen innerhalb einer Stunde. Am späten Nachmittag traf eine Hagelzelle das Stadtgebiet von München. Augenzeugenberichten zufolge brachte diese im Durchmesser bis zu 6 cm große Hagelschlossen südlich von Fürstenfeldbruck sowie in den südlichen und südwestlichen Stadtteilen von München hervor. Gegen Abend bildeten sich auch unmittelbar am Alpenrand Gewitter. Die Station Obere Firstalm/Schlierseer Berge registrierte zwischen 18 und 19 Uhr MESZ 24 mm, in Kreuth-Glashütte kamen im selben Zeitraum 20 mm zustande.

Nachstehend die höchsten gemessenen 24-stündigen Niederschlagsmengen in Deutschland bis zum 24.06., 06 UTC; (Quelle: DWD):

Ort 23./24.
Sigmaringen-Laiz
Günzburg
Obere Firstalm/Schl. Berge
Kreuth-Glashütte
Inzell
54 mm
35 mm
34 mm
24 mm
23 mm

Radarbilder des Tages / Quelle: wetter.com
23.06.2008, 14 Uhr MESZ 23.06.2008, 16 Uhr MESZ 23.06.2008, 18 Uhr MESZ
Blitzkarten des Tages / Quelle: BLIDS
23.06.2008, 12 bis 14 Uhr MESZ 23.06.2008, 14 bis 16 Uhr MESZ 23.06.2008, 16 bis 18 Uhr MESZ
Satellitenbilder des Tages / Quelle: DLR
23.06., 09:31 UTC, NOAA VIS 23.06., 12:13 UTC, NOAA VIS 23.06., 20:56 UTC, NOAA IR


Gewitter am 24. Juni

In den Früh- und Vormittagsstunden des 24. zog, durch einen kurzwelligen Höhentrog initiiert, ein mesoskaliges konvektives System (MCS) von Zentralfrankreich über die Mitte Baden-Württembergs und Bayerns hinweg ostwärts. Binnen einer Stunde konnten in Baiersbronn-Ruhestein 25, in Ohlsbach 19 und am Stuttgarter Flughafen 17 mm Regen gemessen werden. Nattheim-Fleinheim auf der Schwäbischen Alb und Geisenfeld-Eichelberg im Landkreis Pfaffenhofen (Bayern) verbuchten am späten Vormittag 25 und 21 mm für sich. Im weiteren Tagesverlauf beschränkten sich die Gewitter auf den alpinen Raum.

Nachstehend die höchsten gemessenen 24-stündigen Niederschlagsmengen in Deutschland bis zum 25.06., 06 UTC; (Quelle: DWD):

Ort 24./25.
Geisenfeld-Eichelberg
Nattheim-Fleinheim
Baiersbronn-Ruhestein
Großer Arber
Elsendorf-Horneck
31 mm
28 mm
28 mm
22 mm
22 mm

Radarbilder des Tages / Quelle: wetter.com
24.06.2008, 07 Uhr MESZ 24.06.2008, 09 Uhr MESZ 24.06.2008, 12 Uhr MESZ
Blitzkarten des Tages / Quelle: BLIDS
24.06.2008, 05 bis 07 Uhr MESZ 24.06.2008, 07 bis 09 Uhr MESZ 24.06.2008, 10 bis 12 Uhr MESZ
Satellitenbilder des Tages / Quelle: DLR
24.06., 02:12 UTC, NOAA IR 24.06., 09:08 UTC, NOAA VIS 24.06., 12:02 UTC, NOAA VIS


Gewitter am 25. Juni

Erste kräftige Gewitter entwickelten sich am 25. über dem Norden von Rheinland-Pfalz und in Hessen bereits in den Frühstunden. Die Station in Dillenburg registrierte zwischen 8 und 9 Uhr MESZ 27 mm, Witzenhausen-Ziegenhagen eine Stunde später 25 mm Regen. Um die Mittagszeit kam das aus mehreren Zellen bestehende System in Ostdeutschland an. Bis 12 bzw. 13 Uhr MESZ meldeten Leipzig-Holzhausen bzw. Oschatz 28 und 31 mm.
Die Kaltfront von Tief "Olympus" sorgte am Nachmittag dann besonders im Süden für heftige Gewitter und Unwetter. In Michelstadt (Odenwald) fielen zwischen 14 und 15 Uhr MESZ 20 mm, in Trostberg im Südosten Bayerns am Abend binnen zwei Stunden 38 mm. Doch Starkregen war nur ein Aspekt dieses Tages, vielerorts gingen die Gewitter auch mit kräftigen Windböen einher. In Würzburg und in Weißenburg erreichten die Gewitterböen jeweils 86 km/h, in Hof und auf dem Fichtelberg blies der Wind sogar in orkanartiger Stärke (je 112 km/h Spitzenböe). Dazu liegen Berichte über zum Teil walnussgroßen Hagel vor, u.a. wieder aus der Nähe von München.
Infolge der Unwetter starben in Rheinland-Pfalz und in Hessen zwei Menschen bei Verkehrsunfällen, bei Mainz wurde ein Weinbergarbeiter vom Blitz erschlagen. In Durmersheim im Landkreis Rastatt (Baden-Württemberg) kam es durch Hagel zu Schäden an Autos und Häusern. Ein Supermarkt musste geräumt werden. In Sachsen standen zahlreiche Straßen unter Wasser, Bäume stürzten um. In Leipzig fielen Ampelanlagen aus, Straßenbahnweichen konnten nicht mehr gestellt werden. Verletzte und Schäden gab es auch in Teilen Nordrhein-Westfalens, Hessens, Bayerns und von Rheinland-Pfalz.

Nachdem am Mittag schon schwere Gewitter über Ostfrankreich und Luxemburg gewütet hatten (z.B. Luxemburg-Stadt 100 km/h in Böen), waren am späten Abend auch der Osten Österreichs sowie Tschechien betroffen. Mehrere Wetterstationen in der österreichischen Hauptstadt Wien übermittelten schwere Sturmböen (z.B. Wien/City 94 km/h) und dazu kräftigen Regen (Wien/City 21 mm in drei Stunden). Die dortige Fanmeile der Fußball-EM musste evakuiert werden, dabei wurden zwei Menschen niedergetrampelt und verletzt. Über die böhmische Stadt Čáslav in Tschechien fegten Orkanböen hinweg (119 km/h), Pardubice hatte mit Böen der Stärke 11 (107 km/h) zu kämpfen.

Nachstehend die höchsten gemessenen 24-stündigen Niederschlagsmengen in Deutschland bis zum 26.06., 06 UTC; (Quelle: DWD):

Ort 25./26.
Schönteichen-Cunnersdorf
Oschatz
Hüttgeswasen
Leipzig-Holzhausen
Itzgrund-Herreth
55 mm
52 mm
45 mm
45 mm
44 mm

Radarbilder des Tages / Quelle: wetter.com
25.06.2008, 09 Uhr MESZ 25.06.2008, 13 Uhr MESZ 25.06.2008, 19 Uhr MESZ
Blitzkarten des Tages / Quelle: BLIDS
25.06.2008, 07 bis 09 Uhr MESZ 25.06.2008, 11 bis 13 Uhr MESZ 25.06.2008, 17 bis 19 Uhr MESZ
Satellitenbilder des Tages / Quelle: DLR
25.06., 02:02 UTC, NOAA IR 25.06., 10:28 UTC, NOAA VIS 25.06., 20:10 UTC, NOAA IR


Gewitter am 26. Juni

Am 26. kehrte in Deutschland Ruhe beim Wetter ein, in Teilen Österreichs gewitterte es allerdings erneut kräftig. An diesem Tag standen weniger heftige Böen als vielmehr hohe Regenmengen im Vordergrund. Innerhalb von sechs Stunden fielen z.B. an der Bergstation der Rax-Seilbahn 68 mm Regen, in der Hohen Wand am Hochkogelhaus waren es 48 mm.

Satellitenbilder des Tages / Quelle: DLR
26.06., 01:51 UTC, NOAA IR 26.06., 10:02 UTC, NOAA VIS 26.06., 19:46 UTC, NOAA IR

Text: CE


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