Wettergefahren-Frühwarnung | Heftige Gewitter, Starkregen, Sturm - zentraler Mittelmeerraum - 09.-16.10.2015
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Dienstag, 13. Oktober 2015, 20:20 MESZ
zuletzt aktualisiert: 18. Okt. 2015, 21:50 MESZ


heftige Gewitter, Starkregen

zentraler Mittelmeerraum

09.10. - 11.10.,
14.10. - 16.10.2015


Reißender Fluss nach Starkregen in Torregrotta (Sizilien)
Quelle: youreporter.it

Mitte Oktober 2015 suchten heftige Wettererscheinungen den zentralen Mittelmeerraum heim. Ergiebige Starkregenfälle über 100 mm, Sturm- und Orkanböen sowie örtliche Tornados sorgten vor allem in Sizilien und Kroatien für größere Schäden in der Landschaft und an der Infrastruktur. Nach weiteren, von Tief "Steffan" ausgelösten, schweren Regenfällen wurde in der Region Kampanien (Italien) der Notstand ausgerufen. Zudem waren weitere Regionen in Mittel- und Süditalien sowie Bosnien und Herzegowina betroffen. Mindestens drei Menschen kamen bei den Unwettern ums Leben.


Wetterlage und Entwicklung

Nach Abzug des Tiefs "Quirin" setzte sich im zentralen Mittelmeerraum zunächst eine Wetterberuhigung durch. Vorderseitig eines weit nach Süden ausgedehnten Atlantiktrogs strömte deutlich wärmere Luft (über 15 °C in 850 hPa) nach Norden. Über weiten Teilen Nordafrikas lag die 20 °C-Isotherme, über Marokko und Algerien wurden zeitweise nochmals die 25 °C überschritten. Der langsam ostwärts vorankommende Trog dehnte sich ab dem 07.10. bis nach Nordafrika aus. Durch starke Vorticity- und Schichtdickenadvektion (folglich großräumige Hebung) entwickelten sich kräftige Regenfälle über Ostmarokko und Nordalgerien (El Kheiter im algerischen Atlasgebirge: 51 mm in 48 h, die Hauptstadt Algier 25 mm in 24 h, bis 09.10, 06 UTC). Mit den Hochs "Petra" und "Oldenburgia", welches im Zusammenspiel mit einem Tief über Russland polare Kaltluft weit nach Südwesten verfrachtete und über Osteuropa für die ersten Schneefälle sorgte, etablierte sich eine Hochdruckbrücke über weiten Teilen Mittel- und Nordeuropas. Im Mittelmeerraum war tiefer Luftdruck wetterbestimmend. Zum einen erreichte am 10.10. Ex-Hurrikan "Joaquin" die Küsten der Iberischen Halbinsel. Er brachte dabei hohen Wellengang, Sturmböen und Regenfälle. Bis zu seiner Auflösung verweilte er dort noch mehrere Tage. Zum anderen entstand trogvorderseitig vor der tunesischen Küste ein weiteres Tief, das nordostwärts Richtung Italien und Balkan weiterzog.

500-hPa-Geopotential mit Bodendruck und Satellitenbilder | Quellen: Wetter3, Sat24
08.10., 00 UTC 09.10., 00 UTC 10.10., 00 UTC 11.10., 00 UTC 12.10., 00 UTC
09.10., 13 UTC 10.10., 08 UTC 10.10., 14 UTC 11.10., 08 UTC 11.10., 15 UTC

Hebungsantriebe stellte der nach Nordafrika reichende Trog bereit, der zudem mit seiner Nordostverlagerung Kontakt zum Trog über Russland aufnehmen konnte. Das korrespondierende Bodentief zog von Tunesien aus zwischen Sardinien und Sizilien nach Mittelitalien und erreichte am 11.10. die Balkanländer, am 12.10. die Schwarzmeerküste. Temperaturgegensätze entstanden durch die Advektion afrikanischer Warmluft nach Norden (15-20°C in 850 hPa), rückseitig des Troges kühlere atlantische Meeresluft (5-10°C) bzw. Polarluft aus Russland (0-5°C). In der Höhe (etwa 5600 Meter) lagen die Temperaturen um -15°C, über dem immer noch warmen Mittelmeer bei 22-24°C (Labilisierung der Luftmassen). Beispielsweise nahm die afrikanische Warmluft eine große Menge an Feuchtigkeit auf, die bei der Auslösung von Niederschlagsprozessen ausfällbar ist. Somit entstanden konvektiv und orographisch verstärkte Regenfälle mit lokalen Gewittern, die sich auf über 100 mm in 24 Stunden summierten. Die Folge waren Überschwemmungen und Erdrutsche. Gewitter- und Fallböen (Bora) erreichten Sturmstärke, lokal Orkanstärke.

Bodendruckanalyse mit Fronten | Quellen: Wetter3/DWD
09.10., 00 UTC 10.10., 00 UTC 11.10., 00 UTC
14.10., 00 UTC 15.10., 00 UTC 16.10., 00 UTC

Starkregen und Sturm in Italien und Kroatien

Erste kräftige Gewitterkomplexe entstanden von Freitag auf Samstag bei Sardinien und Sizilien. Von dort kamen diese weiter nordostwärts zur italienischen und kroatischen Adriaküste voran. Die Stationen Alghero und Decimomannu auf Sardinien registrierten 70 bzw. 54 mm bis 10.10, 06 UTC. Cittanova (Kalabrien) verzeichnete sogar 149,2 mm in weniger als sechs Stunden. Bis 11.10., 06 UTC summierten sich die kräftigen Niederschläge in Split (Kroatien) auf 130 mm. Die Böen erreichten 94 km/h in Monte Cimone (I) und 81 km/h in La Chiappa (Korsika). In Kampanien und Apulien ereigneten sich zudem noch stärkere Downbursts. Auch aus Sizilien wurden heftige Wetterereignisse in den frühen Morgenstunden des 10.10. gemeldet. Palermo verwandelte sich laut italienischer Medien durch Starkregen und Sturmböen in ein "kleines Venedig", in manchen Stadtteilen stürzten Bäume auf Autos und Flusspegel stiegen rasch an. Bei Messina wurden aus Straßen reißende Flüsse: Torregrotta registrierte 78,3 mm in 2 Stunden. Eine Wasserhose bei Punta Secca erreichte kurz vor der Auflösung Land, zwei Tornados wurden bei Licata und Resuttano beobachtet. Diese hoben Dächer an und beschädigten Gewächshäuser stark, herumfliegende Trümmer blockierten Straßen und beschädigten Autos. Die Autobahn A19 wurde zeitweise gesperrt.

Weitere Auswirkungen

Ab dem Abend des 10.10. erreichten die Gewitter auch Albanien, Montenegro und Griechenland mit Überschwemmungen und Erdrutschen. In Ioánnina (GR) fielen 33 mm in 6 Minuten (max. Regenrate 640 mm pro Stunde), in Oinófita sogar 92,4 mm in einer Stunde. Zudem wurden mindestens zwei Tornados und Hagel bis 2,5 cm beobachtet. In der Provinz Kérkyra wurde eine Orkanböe von 128 km/h gemessen. Neben Schäden an Dächern und Infrastruktur kenterte ein Segelboot. Nach dem Weiterzug des Tiefs hielten die Niederschläge in Südosteuropa an, an der Nordseite wurde russische Kaltluft angezapft, sodass im Norden Rumäniens erste Schneefälle bis in tiefere Lagen auftraten.

Neue Starkregenfälle durch Tief "Steffan"

Am 11.10. vergrößerte ein Randtrog über der Iberischen Halbinsel seine Amplitude, in diesen war im Bodendruckfeld der sich abschwächende Ex-Hurrikan "Joaquin" eingebettet. Durch Kaltluftadvektion und die Entwicklung stromauf war der Trog am 14.10, 00 UTC gut ausgeprägt vorzufinden und reichte nun von der Ostsee bis nach Nordafrika. Zudem näherte sich das Höhentief, welches für den extrem frühen Schneefall in Deutschland verantwortlich zeichnete, einer quasistationären Front über dem Alpenraum an bzw. vorderseitig des Troges entstand über dem Golf von Genua das Tief "Steffan". Das bis zum 16.10, 00 UTC über den Westen Deutschlands und Frankreich nach Norditalien ziehende Höhentief bescherte "Steffan" bzw. die durch großräumige Hebung entstehenden Starkregenfälle weiteres Entwicklungspotential. Zudem baute sich ein großer Gradient der (äquivalentpotentiellen) Temperatur zwischen Südfrankreich und Süditalien auf.

500-hPa-Geopotential mit Bodendruck, 850-hPa-Geopotential und Temperatur | Quelle: Wetter3
13.10., 00 UTC 14.10., 00 UTC 15.10., 00 UTC 16.10., 00 UTC
13.10., 00 UTC 14.10., 00 UTC 15.10., 00 UTC 16.10., 00 UTC


Notstand in Kampanien

Das nur langsam weiterziehende Tief "Steffan" löste in einigen Regionen Italiens sowie auf dem westlichen Balkan intensive Regenfälle aus. Die Station Guarcino (Latium) meldete 203 mm in 4 Stunden bis 14.10., 13 Uhr MESZ. Beispielsweise kam es - von Gewittern begleitet - in den Abruzzen zu zahlreichen Erdrutschen und schweren Überflutungen. Zudem drang in viele Häuser das Wasser ein (z.B. in Bosnien-Herzegowina mindestens 80).
Ein F1-Tornado wurde in der Nacht auf den 15.10. östlich von Palermo (Sizilien) beobachtet, der Bäume fällte und Dächer abdeckte. In Benevento (Kampanien) trat der Fluss Calore über die Ufer (165 mm in 9 Stunden, MCS), wo der Notstand ausgerufen wurde. Dutzende Menschen mussten aus den oberen Stöcken der Häuser gerettet werden.
In Tarent (Apulien) sorgte nach heftigen Regenfällen am Morgen des 16.10. (216,4 mm in 5 Stunden) ein Stromausfall für einen gefährlichen Gasaustritt in einer Stahlfabrik. Zudem war der Zug- und Fährverkehr zeitweise blockiert.

Niederschlagsmesswerte vom 13. bis 16.10.2015 im zentralen Mittelmeerraum | Datenquelle: LineaMeteo




Text: FB
13. Oktober 2015
aktualisiert: FB, 18. Oktober 2015