Wettergefahren-Frühwarnung | Überschwemmung, Sturm, Schneefall: Wintersturm "Riley" - Nordosten der USA - 01.-03.03.2017
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Dienstag, 06. März 2018, 14:30 MEZ



Überschwemmung, Sturm, Schneefall
Wintersturm "Riley"

USA

01.-03.03.2018


Satellitenbild, 02.03.2018, 18 UTC
Quelle: NOAA

Anfang März 2018 sorgte der Wintersturm "Riley" im Nordosten der USA für kräftige Windböen, Starkschneefall und eine Sturmflut, die über drei Ebbe- und Flutzyklen anhielt. Mit Orkanböen bis 150 km/h fegte der Sturm über die Region und entwurzelte zahlreiche Bäume und knickte Strommasten um. Dadurch fiel zwischenzeitlich der Strom für ca. 1,9 Millionen Menschen aus. Mindestens 9 Menschen starben, zahlreiche wurden verletzt. Vor allem entlang der Küste von Massachusetts kam es durch die Sturmflut zu Überschwemmungen. Mehrere hundert Menschen mussten aus den Wassermassen gerettet werden. In Boston lag der Wasserstand 1,34 m über dem mittleren Hochwasser, was gleichzeitig den dritthöchsten Stand seit Aufzeichnungsbeginn bedeutet. Nördlich des Tiefzentrums fielen teilweise beachtliche Neuschneemengen. Im Bundesstaat New York kamen gebietsweise zwischen 60 und 100 cm Neuschnee zusammen.


Wetterlage und Entwicklung

Bodendruck und Wind
2.3., 18 UTC
© SPC NOAA
Am 25. und 26.02. verlagerte sich ein kräftiger Höhentrog über der Westküste Nordamerikas nach Süden. Dabei kam kalte Luft weit nach Süden voran, im Norden Kaliforniens lag die Temperatur am 26.02. in 850 hPa bei ca. -5 °C. Der südliche Teil des Trogs begann sich am 27.02. abzuschnüren, wodurch ein Höhentief über dem südlichen Kalifornien entstand. Östlich der Rocky Mountains konnte an jenem Tag, im Divergenzbereich des südlichen Asts des Jetstreams, Druckfall am Boden beobachtet werden. Ein sich in Bodennähe einstellender südlicher Wind advehierte fortan feuchtwarme Luftmassen (850 hPa pseudopotentielle Temperatur: ca. 54 °C) von Mexiko über Texas nach Norden bzw. Nordosten. Ein weiterer Kurzwellentrog zog am 27. und 28.02. von Alaska nach Südosten und erreichte den bereits angesprochenen Höhentrog am 28.02. In der Folge wurde auch der bereits abgetropfte südliche Teil des Troges wieder eingeschlossen.
Mit der Verlagerung des Höhentrogs nach Osten kam es am 01.03. über den Bundesstaaten Illinois und Indiana zum Druckfall am Boden. Der Bodendruck im Zentrum des Tiefs lag bei ca. 1004 hPa. In 850 hPa war das Tief bereits ausgeprägter, wodurch feuchtwarme Luftmassen mit einer südwestlichen Strömung zu diesem Zeitpunkt bereits vor die Küste von Virginia transportiert wurden. Der Temperaturunterschied von 15 K zwischen der Luftmasse im Süden und arktischer Luft im Norden des Tiefs erstreckte sich dagegen noch auf eine Distanz von ca. 1300 km. Um 19 UTC lag das Tiefzentrum über dem Bundesstaat Ohio mit einem Kerdruck von 1000 hPa. In den folgenden 23 Stunden verringerte sich der Druck im Zentrum um ca. 26 hPa auf 974 hPa. Damit übersteigt "Riley" den Wert für eine explosionsartige Entwicklung von 24 hPa in 24 Stunden. Zunächst lag das Tief am 02.03. um 00 UTC über dem Westen von Pennsylvania (Kerdruck: 996 hPa). Die Distanz zwischen der -5 °C - und der 10 °C - Isotherme hatte sich bereits auf ca. 800 km verringert. Westlich des Zentrums floss arktische Luft über die Großen Seen nach Süden. Gleichzeitig erreichte die feuchtwarme Luft aus Süden in jenen Stunden den Kern des Tiefs. Die mittlerweile sehr günstige Lage vorderseitig des Höhentrogs in einer divergenten Höhenströmung resultierte um 06 UTC in kräftigem Druckfall vor der Küste von New Jersey. Bis 12 UTC hatte sich der Kerndruck bereits auf 984 hPa verringert, bis 18 UTC fiel er auf 974 hPa. In dieser Zeit befand sich das Tief fast ortsfest ca. hundert Kilometer vor der Küste von Long Island. Jener Zeitpunkt stellte den Entwicklungshöhepunkt von "Riley" dar, das mittlerweile entstandene Höhentief befand sich direkt über dem Bodentief. Die westlich einströmende kalte Luft erfasste den gesamten Nordosten der USA. In der Regel verlagern sich solche sogenannten Nor'Easter wie "Riley" nach der explosionsartigen Verringerung des Kerndrucks recht schnell in einer kräftigen Höhenströmung in Richtung Neufundland. Ein blockierendes Hochdruckgebiet über Grönland verhinderte dagegen diese Entwicklung, weshalb "Riley" in den folgenden 30 Stunden nur recht langsam nach Osten weiter zog. Dabei nahm der Druck im Zentrum nur geringfügig auf ca. 980 hPa ab.

500 hPa Geopotential und Bodendruck, 850 hPa Geopotential und Temperatur, Bodendruck und Wind | Quellen: Wetter3, SPC NOAA
01.03.2017, 12 UTC 02.03.2017, 00 UTC 02.03.2017, 12 UTC 03.03.2017, 00 UTC 03.03.2017, 12 UTC 04.03.2017, 00 UTC

Orkanböen entlang der Küste von Massachusetts

Spitzenböen in New England
während "Riley"
© NWS
Ab 02 UTC am 02.03. legte der Wind zunächst in den Appalachen südlich des Tiefzentrums zu und erreichte hier Sturmstärke. Mit der Verstärkung des Druckgradientens zwischen 6 und 18 UTC nahmen die Wingeschwindigkeiten in Maryland, Washington D.C., Virginia, sowie Massachusetts und Rhode Island deutlich zu. Während der Wind in den südlich gelegegen Staaten aus westlichen Richtungen kam, wehte er nördlich des Tiefzentrums in Massachussets und Rhode Island aus nordöstlichen Richtungen. Die höchsten Windgeschwindigkeiten während "Riley" wurden entlang der Küste von Massachusetts verzeichnet. Im Gebiet um die Cape Cod Bay gab es gebietsweise Orkanböen von über 140 km/h, zwischen Boston und dem Südosten von Rhode Island waren es Böen von über 120 km/h. Die höchste Windgeschwindigkeit konnte in Barnstable mit 150 km/h gemessen werden. Neben Massachusetts maßen auch Stationen in New York, Rhode Island, New Jersey und Virginia teilweise Orkanböen. Auch weiter im Landesinnern wehte der Wind oftmals in Böen mit Bft 9 oder 10. So kam der Baltimore / Washington Airport auf eine Spitzenböe von 94 km/h, in Philadelphia waren es 89 km/h. Auch die Region um die Millionenstadt New York trafen kräftige Windböen bis 102 km/h am JFK Airport.

Spitzenböen während Wintersturm "Riley"
Datenquelle: WPC NOAA
Ort Bundesstaat Böe
Barnstable
East Falmouth
Wellfleet
Nantucket
Oak Bluffs
Woods Hole
Marshfield
Plymouth
Little Compton
Marston Mills
Scituate
Chesapeake Light Tower
Bayville
Massachusetts
Massachusetts
Massachusetts
Massachusetts
Massachusetts
Massachusetts
Massachusetts
Massachusetts
Rhode Island
Massachusetts
Massachusetts
Virginia
New York
150 km/h
148 km/h
146 km/h
145 km/h
142 km/h
142 km/h
140 km/h
137 km/h
134 km/h
129 km/h
129 km/h
129 km/h
126 km/h
Ort Bundesstaat Böe
Middle Island
Etlan
Winchester
Dahlgren
Orleans
Vineeyard Haven
Edgartown
Hayannis Airport
Brandywine Schoal NOS
Washington/Dulles Apt
Block Island
Cape May
Ballenger Creek
New York
Virginia
West Virginia
Virginia
Massachusetts
Massachusetts
Massachusetts
Massachusetts
New Jersey
Virginia
Rhode Island
New Jersey
Maryland
126 km/h
126 km/h
122 km/h
120 km/h
120 km/h
120 km/h
119 km/h
119 km/h
119 km/h
114 km/h
114 km/h
114 km/h
114 km/h


Historisch lange Sturmflut

Durch die kräftigen Windgeschwindigkeiten gab es entlang der Küste der New England Staaten eine Sturmflut. Aufgrund der blockierende Hochdrucklage über Grönland und der geringen Verlagerungsgeschwindigkeiten von "Riley" ab dem 02.03. peitschte der Wind die Wassermassen während drei Flutzyklen gegen die Küste. Eine solch lange andauernde Sturmflut ist selbst für diese Region sehr ungewöhnlich. Darüber hinaus trat die Sturmflut während des Vollmonds auf, wodurch bereits naturgemäß höhere Wasserstände zu verzeichnen sind als üblich. Im Zusammenspiel mit den Orkanböen entlang der Küste stellte sich eine Sturmflut von örtlich ca. 1,34 m (Boston) bis 1,50 m (am Cape Cod) über dem mittleren Hochwasser ein. In Scituate lag der Höchststand bei 4,45 m, am Hafen in Boston waren es 4,47 m. Die Wasserstände während der drei Flutzyklen reihen sich in Boston allesamt in den Top 10 der höchsten Pegel seit Aufzeichnungsbeginn ein (Platz 3,8,10). Nur während Sturm Grayson im Januar diesen Jahres und beim Blizzard von 1978 gab es hier höhere Wasserstände. Auch auf Nantucket reihen sich die drei Höchsstande in den Top 10 ein (Platz 5,6,7), das Wasser stieg hier genauso wie in Portland (Maine) auf 98 cm über dem mittleren Hochwasser.

Wasserstände entlang der Küste im Nordosten der USA während "Riley" | Quelle: Water Weather
Scituate (MA) Hampton (NH) Boston (MA) Portland (ME) Nantucket (MA)

Sturmflut in Scituate (Massachusetts) am 02.03.2018 | Quelle: WX Chasing


Schneefälle von Michigan bis New York

An der nördlichen Seite des Zentrums von "Riley" fiel vom 01.03. 18 UTC an zunächst im südlichen Michigan und dem nördlichen Ohio und später im Westen von Pennsylvania und New York Schnee. Dabei kamen in Wixom (Michigan) 19 cm Neuschnee zusammen, in Coolbaugh (Pennsylvania) waren es 60 cm. Zwischen 00 und 06 UTC am 02.03. gab es im Westen von New York einzelne Wintergewitter, die konvektive Verstärkung der Schneefallgebiete resultierte in erheblichen Neuschneemengen binnen kurzer Zeit. So verzeichnete beispielsweise Wyoming (östlich von Buffalo) 61 cm Neuschnee in gerade einmal 24 Stunden. Der meiste Neuschnee während "Riley" fiel dagegen weiter östlich im Bundesstaat New York. Cobleskill meldete einen Meter Neuschnee. Auch im Norden von New Jersey und im Nordwesten von Massachusetts gab es teilweise kräftige Schneefälle, die in Branchville (New Jersey) 42 cm und in Plainfield (Massachusetts) 30 cm Schnee brachten.

Satelliten- und Radarbilder während "Riley" | Quellen: SPC NOAA, NOAA
01.03., 14 UTC 01.03., 18 UTC 02.03., 00 UTC 02.03., 06 UTC 02.03., 14 UTC 02.03., 18 UTC 03.03., 00 UTC 03.03., 06 UTC

Blitzkarte und Schneehöhen Nordosten USA | Quellen: NOHRSC NOAA, Lightningmaps
02.03.2018, 06 UTC 02.03.2018, 06 UTC 03.03.2018, 06 UTC

Neuschneemengen während "Riley" im Nordosten der USA
Datenquelle: WPC NOAA
Ort Bundesstaat Neuschnee
Cobleskill
Richmondville
Halcott Center
Jefferson
Gilboa
Schoharie
Amsterdam
Duanesburg
Glen
West Kill
Windham
Paris
Knox
New York
New York
New York
New York
New York
New York
New York
New York
New York
New York
New York
New York
New York
100 cm
95 cm
89 cm
88 cm
76 cm
76 cm
76 cm
66 cm
66 cm
66 cm
66 cm
64 cm
64 cm

Auswirkungen von Wintersturm "Riley"

Die Küstenüberschwemmungen gehen als eine der zerstörerischsten während eines Nor'easter Ereignis in die Geschichte ein. Am Heftigsten betroffen waren die Küstengebiete von Massachusetts. In Quincy (südlich von Boston) mussten mindestens 100 Menschen aus überschwemmten Gebieten gerettet werden. In Scituate gab es erhebliche Schäden durch die Wassermassen (siehe Video oben). Auch in New Hampshire und Maine wurden einige Straßen und Gebäude überschwemmt.
Die heftigen Windböen entwurzelten Bäume und knickten teilweise Strommasten um. Einzelne Gebäude wurden beschädigt, am La Guardia Flughafen in New York gab es Schäden an einem Gebäudedach. Die Mario Cuomo Brücke, nördlich von New York, wurde während des Ereignisses für LKWs und Busse gesperrt, nachdem drei Fahrzeuge durch die Windböen umgeweht wurden. Bis zum Morgen des 03.03. gab es über 750 Windreporte, die meisten aus Virginia, Maryland und Massachusetts.
Insgesamt kamen während Wintersturm "Riley" in den USA mindestens 9 Menschen ums Leben. Zwisenzeitlich waren 1,9 Menschen ohne Strom, am 5.3. um 9 UTC konnte die Stromversorgung bei 410 000 Menschen noch nicht wieder hergestellt werden. In Massachusetts, New York, Maryland und New Jersey wurde der Notstand ausgerufen. In Massachusetts und Pennsylvania half die Nationalgarde bei den Aufräumarbeiten. Zwischen dem 2.3. und 4.3. fielen ca. 4000 Flüge im Nordosten der USA aus. Allein an den drei großen Flughäfen in New York mussten über 1000 Flüge abgesagt werden. Zwischen New York City und Boston, sowie im Bereich um die Hauptstadt Washington D.C. kam es zu zahlreichen Zugausfällen aufgrund von umgestürzten Bäumen.


Text: JW
06. März 2018