Wettergefahren-Frühwarnung | Sturm - West- und Mitteleuropa - 19.11.-20.11.2016
Wettergefahren-Frühwarnung - Übersicht

Weitere Informationen: Wetterrekorde, Sturmstärken, Klimakarten usw.

Mittwoch, 23. November 2016, 14:45 MEZ

Sturm

West- und Mitteleuropa

19.11.-20.11.2016



Satellitenbild Sturm "Nannette"
am 20. November 2016, 09 UTC
Quelle: Sat24


Ende November 2016 sorgte Tief "Nannette" für Orkanböen entlang der Küsten von Frankreich und England. In Boulogne-sur-Mer wurde am 20.11. eine Böe von 155 km/h aufgezeichnet. In Belgien, den Niederlanden und im Nordwesten Deutschlands kam es zu orkanartigen Böen an den Küsten. Einzelne Schäden an Gebäuden und der Infrastruktur wurden beobachtet, in Frankreich waren zwischenzeitlich 70 000 Menschen ohne Strom.


Wetterlage und Entwicklung

An der Rückseite von Tief "Mirja" stieß ab dem 16.11. kalte Polarluft von Grönland nach Südosten in Richtung Mittel- und Westeuropa vor. Kaltluftadvektion an der Rückseite des Langwellentrogs über Westeuropa führte dazu, dass dessen Amplitude sich in der Folge vergrößerte. Am 18.11. reichte der Höhentrog bis in den Norden von Spanien. In der Höhe stellte sich eine kräftige Nordwest-Strömung über dem Atlantik ein. Der Jetstream reichte mit Windgeschwindigkeiten von 220 km/h - 250 km/h von Grönland bis an die Westküste Frankreichs. Entlang der Ostküste der USA hatte sich zwischen dem 15.11. und dem 18.11. ein Tiefdruckgebiet mit einem Bodendruck zwischen 1005 hPa und 1010 hPa bis nach Neufundland verlagert. Der zugehörige Kurzwellentrog geriet am 18.11. in den Bereich der nordwestlichen Höhenströmung über dem Atlantik. Divergenz in der Höhe und die Advektion von mit der Höhe zunehmender positiver Vorticity führten zu Druckfall am Boden. An der Vorderseite des Bodentiefs wurden feuchtwarme Luftmassen (10 °C in 850 hPa) aus den Subtropen weit nach Norden advehiert. Innerhalb von kurzer Zeit (36 Stunden) verlagerte sich das Bodentief über dem Atlantik von Neufundland bis vor die Westküste Frankreichs. Höhendivergenz im Bereich zwischen dem Langwellentrog über Europa und dem Azorenhoch resultierte am 19.11. in der sehr schnellen Verlagerung des Bodentiefs über dem Atlantik, sodass zu Beginn des Tages kurzzeitig zwei Zentren im Bodendruckfeld erkennbar waren. Am Abend des 19.11. lag das Tief, welches mittlerweile den Namen "Nannette" (im britischen Raum "Angus") bekommen hatte, vor der Küste von Frankreich und Großbritannien. Der Bodendruck erreichte Werte von unter 985 hPa. Das Windfeld von "Nannette" lag am späten Abend und in der Nacht zum 20.11. über dem Nordwesten von Frankreich, sowie entlang des Ärmelkanals und über dem Süden Englands. Dabei fiel der Bodendruck im Zentrum auf unter 970 hPa. In der Folge verlagerte sich das Sturmtief über dem Südosten Englands weiter nach Nordosten und lag am Nachmittag und Abend des 20.11. bereits über der Nordsee. "Nannette" schwächte sich zu diesem Zeitpunkt bereits ab, der Bodendruck nahm am Abend rasch zu. Am Morgen des 21.11. befand sich das ehemalige Orkantief dann schon über der Mitte Skandinaviens mit einem Kerndruck von 1000 hPa.

500-hPa-Geopotential mit Bodendruck, 850 hPa-pseudopotentielle Temperatur und 300 hPa Wind u. Divergenz Europa und Mitteleuropa | Quelle: Wetter3
19.11.2016, 18 UTC 20.11.2016, 06 UTC 20.11.2016, 12 UTC 20.11.2016, 18 UTC

Satellitenbilder | Quelle: Sat24,
19.11.2016, 18:00 UTC 20.11.2016, 06:00 UTC 20.11.2016, 12:00 UTC 20.11.2016, 18:00 UTC

Auswirkungen des Sturms

Bodendruck 22.11.2016, 12 UTC
© Met.fu-Berlin
Am Abend des 19.11. konnten auf den der französischen Atlantikküste vorgelagerten Inseln Ouessant, Belle-Ile-en-Mer und Ile de Groix Orkanböen von über 130 km/h gemessen werden. Die höchsten Windgeschwindigkeiten durch Orkantief "Nannette" traten am Morgen des 20.11. entlang des Ärmelkanals auf. Boulogne-sur-Mer südlich von Calais maß eine Windböe von 155 km/h um 08 UTC. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals verzeichnete die Station an der Langdon Bay unweit von Dover eine Böe von 130 km/h. In der Folge traten auch in Belgien, den Niederlanden und im Nordwesten Deutschlands kräftige Windböen auf, die hier an den Küsten orkanartig ausfielen. Weiter im Landesinnern verzeichnete beispielsweise der Pariser Flughafen eine schwere Sturmböe von 92 km/h, der Amsterdamer Flughafen Shipol kam auf 97 km/h. In Rotterdam lag die gemessene Spitzenböe am 20.11. um 13 UTC bei 94 km/h. Entlang des Ärmelkanals kam es in den küstennahen Städten zu einzelnen Schäden an Gebäuden und der Infrastruktur. Im Westen und Nordwesten von Frankreich waren am 20.11. fast 70 000 Menschen ohne Strom (Quelle: Telegraph). Unterbrechungen im Zugverkehr traten im Süden von Engalnd auf, der Fährverkehr zwischen England und Frankreich wurde gestört. 23 Menschen mussten vor der Küste von Dover aus einem großen Frachtschiff gerettet werden, nachdem dieses in Seenot geraten war.

Spitzenböen Flachland bis 700m (links) am 19.11. und 20.11.
Datenquelle: DWD Java Map
Ort Land Spitzenböe bis Datum
Boulogne-sur-Mer (73 m)
Pte de la Hague (6 m)
Cap de la Heve (100 m)
Brignogan (9 m)
Guernsey Airport (102 m)
Ouessant/Stiff (64 m)
Belle Ile-Le Talut (34 m)
Ile de Groix (41 m)
Langdon Bay (117 m)
Lichteiland Goeree (22 m)
Jersey Airport (84 m)
L'Orient Lann Bihoue (49 m)
Le Havre-Octeville (95 m)
FR
FR
FR
FR
GB
FR
FR
FR
GB
NL
GB
FR
FR
155 km/h
143 km/h
139 km/h
136 km/h
135 km/h
134 km/h
131 km/h
131 km/h
130 km/h
119 km/h
118 km/h
118 km/h
117 km/h
20.11., 08 UTC
20.11., 04 UTC
20.11., 05 UTC
20.11., 00 UTC
20.11., 03 UTC
19.11., 19 UTC
19.11., 21 UTC
19.11., 21 UTC
20.11., 08 UTC
20.11., 11 UTC
20.11., 03 UTC
20.11., 01 UTC
20.11., 05 UTC
Ort Land Spitzenböe bis Datum
Oosterschelde WP (0 m)
Euro Platform (19 m)
Ijmuiden (4 m)
Leuchtturm Kiel (5 m)
Pointe St. Mathieu (17 m)
Caen-Carpiquet (78 m)
Zeebrugge (7 m)
Helgoland (4 m)
Vlakte van Raan (0 m)
Ijmond (0 m)
Hoek van Holland (12 m)
Houtribdijk (7 m)
Maupertus-Gonneville (140 m)
NL
NL
NL
DE
FR
FR
BL
DE
BE
NL
NL
NL
FR
115 km/h
115 km/h
115 km/h
115 km/h
113 km/h
113 km/h
113 km/h
113 km/h
112 km/h
112 km/h
112 km/h
112 km/h
111 km/h
20.11., 10 UTC
20.11., 10 UTC
20.11., 13 UTC
20.11., 21 UTC
19.11., 22 UTC
20.11., 00 UTC
20.11., 10 UTC
20.11., 17 UTC
20.11., 07 UTC
20.11., 13 UTC
20.11., 13 UTC
20.11., 13 UTC
20.11., 03 UTC


Text: JW
23. November 2016